Eine zierliche, dunkelhaarige Frau mit grossen Augen steht vor einer
Klasse aus Dritt- und Viertklässlern im Schulhaus Bönigen. Basteln ist
angesagt. Ihr Lachen ist ansteckend, sie ist hübsch und ihre Stimme
deutlich und hell. – Es ist einfach, sich Monika Steiner vorzustellen,
wie sie von 1994 bis 2000 in der Schulstube stand und unterrichtete.
«Ich erinnere mich gerne an die Kinder – es war eine bereichernde
Zeit», sagt sie. Ein Besuch bei ehemaligen Lehrerkollegen in Bönigen,
während eines kurzen Aufenthalts in der Schweiz, frischte die
Erinnerungen wieder auf. Katze, Schaf und Huhn Wenn
Monika Steiner spricht, entwischt ihr ab und zu ein englisches Wort,
vor allem wenn sie über Kunst philosophiert. Seit sechs Jahren lebt sie
nun in der Nähe von San Francisco, wo sie zur Künstlerin avanciert.
Ansonsten hat die heute 34-jährige Bauerntochter aus Gysenstein nichts
Amerikanisches an sich, vor allem nicht, wenn sie gerade erzählt, dass
sie als Kind auf dem Hof eine Katze, ein Schaf und ein Huhn besessen
hatte. In diesem Moment passt sie nicht in die Welt einer Metropole mit
Wolkenkratzern. Aber genau diese Wolkenkratzer scheinen es gut mit ihr
zu meinen. «Zurzeit stelle ich in der Banc of America aus – das ist das
höchste Gebäude in San Francisco», erklärt Steiner. Mit dieser
Ausstellung steht die ehemalige Lehrerin vor dem künstlerischen
Durchbruch – Tausende von Menschen können ihre grossen Gemälde sehen.
Im Erdgeschoss des prominenten Gebäudes sind die Bilder auch von der
Strasse aus zu bewundern. «Ich bin weit gekommen in der kurzen Zeit, in
einem Land, wo sich so viele Künstler nennen», stellt Monika Steiner
mit Genugtuung fest. Aus der Norm ausbrechen Tatsächlich
ist sie weit gekommen, nicht nur weil sie ihren Wohnsitz um 6000 Meilen
verlegt hat. Für sie sei es nicht einfach gewesen, aus dem «sicheren
Hafen in Bönigen Richtung Amerika aufzubrechen. Als mein Mann die
Fachhochschule in Burgdorf beendet hatte, wussten wir, dass der
Zeitpunkt gekommen war», erinnert sie sich. Das junge Ehepaar wollte
aus der Norm ausbrechen, «bevor Karriere, Kinder und Eigenheim uns
irgendwo für ewig festgenagelt» hätten. Doch die blühende Zeit in der
Computerhochburg Silicon Valley war schon am Verwelken, als sich ihr
Mann um einen Job und die damit verbundenen Visa bemühte. Als es in
letzter Minute doch noch klappte mit einer Anstellung in der
Computerbranche, warteten sie noch ein halbes Jahr auf ihr Visum. Doch
am Ende der ganzen Ungewissheit stand Monika Steiner schliesslich mit
zwei Koffern in San Francisco. Ungewohnte Lebensart «Das
erste halbe Jahr war eine Herausforderung», sagt Steiner. Sie hatte
Heimweh, ihr Visum erlaubte ihr nicht, als Lehrerin zu arbeiten, und
die amerikanische Lebensart war «ungewohnt». Ohne amerikanische «credit
history» – die Kreditwürdigkeit, die man sich über Jahre mit einer
guten Zahlungsmoral aufbauen muss – war es schwierig, überhaupt eine
Wohnung zu mieten, ein Auto zu leasen oder einen Telefonanschluss
einzurichten. «Wir kauften nur das Nötigste: ein Bett, zwei Stühle,
eine Pfanne.» Aber der anfängliche Gedanke, wieder nach Hause zu
fliegen, wich nach einem halben Jahr doch aus ihrem Kopf. «Ich wollte
bleiben, weil ich an der Universität mein Kunststudium angefangen
hatte.» Ein gebrochener Rücken «Amerika ist für
mich eine lange persönliche Reise, die mir die Freiheit gab
herauszufinden, was mich wirklich interessiert», erklärt Monika
Steiner. Die Ausbildung an der Sonoma State University führte sie durch
alle Techniken des Zeichnens und Malens. Augenfällig an ihren
abstrakten Bildern ist die Entwicklung des Farbenspektrums. Während in
früheren Bildern Farben wie Braun und Schwarz dominierten, erstrahlen
die neueren Gemälde in satten Grün-, Gelb- und Rottönen. Sicherer und
freier sei sie geworden. Nicht nur ihre Bilder haben sich
verändert, auch ihr Leben. Als sie während eines Pferdeausritts
verunfallte, brach sie sich drei Rückenwirbel. Monatelang war sie ans
Bett gefesselt: «Ich durfte mich nicht bewegen, konnte nicht arbeiten,
und mein gesundheitlicher Zustand war schlecht», erzählt sie.
Rückblickend habe ihr diese Zeit, in der sich durch die Trennung von
ihrem Mann auch persönliche Veränderungen vollzogen, die Chance
gegeben, zu sich selber zu finden. Das Sujet selber bringen Über
die schwierigen Zeiten hat ihr die Malerei viel geholfen. Beim
abstrakten Malen müsse man alles selber erbringen, die Komposition, die
Farbkontraste und auch das Sujet, erzählt sie über die Kunst, die sie
früher faszinierte, weil sie sie nicht verstanden hatte. So heissen
ihre Bilder denn auch «Entscheidung», «Befreiung» oder «Zusammenfluss».
Gerne würde sie ihre Bilder auch in der Schweiz ausstellen. «Vielleicht
kann ich mit dem Böniger Kunstkomitee etwas arrangieren», sagt sie mit
einem hoffnungsvollen Augenzwinkern. Anita BachmannInfos: www.monikasteiner.net
|