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Monika Steiner – die Geschichte einer Auswanderin
GYSENSTEIN: «Ich bin schnell weit gekommen»
04.01.2007 Die
Bauerntochter aus Gysenstein Monika Steiner wanderte vor sechs Jahren
nach Amerika aus. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten fand sie ihre
Chance und steht nun vor dem Durchbruch ihrer Karriere als Künstlerin.
Anita Bachmann
Eine
zierliche, dunkelhaarige Frau mit grossen Augen steht vor einer Klasse
aus Dritt- und Viertklässlern im Schulhaus Bönigen. Basteln ist
angesagt. Ihr Lachen ist ansteckend, sie ist hübsch und ihre Stimme
deutlich und hell. Gebannt sind die Kinderaugen auf ihre Hände
gerichtet, die geschickt vorzeigen, wie man den Karton richtig faltet,
den Stern exakt ausschneidet und den Leim regelmässig verteilt. Es ist
einfach, sich Monika Steiner vorzustellen, wie sie von 1994 bis 2000 in
der Schulstube stand und unterrichtete. «Ich erinnere mich gerne an die
Kinder und daran, was wir gebastelt haben – es war eine bereichernde
Zeit», sagt sie. Ein Besuch bei ehemaligen Lehrerkollegen, während
einem kurzen Aufenthalt in der Schweiz, frischte die Erinnerungen
wieder auf. «In der Schweiz ist alles familiärer und sicherer – hier
fühlte ich mich aufgehoben», erzählt Monika Steiner.
Katze, Schaf und Huhn Wenn
sie spricht, entwischt ihr ab und zu ein englisches Wort, vor allem
wenn sie über Kunst redet. Seit sechs Jahren lebt Monika Steiner in der
Nähe von San Francisco und ist dort Künstlerin geworden. Sie hat selten
Gelegenheit in ihrem breiten Berndeutsch über den neuen Beruf, das
abstrakte Malen, zu sprechen. Deshalb schleichen sich wohl die
englischen Ausdrücke ein. Doch ansonsten hat die heute 34-jährige
Bauerntochter aus Gysenstein nichts Amerikanisches an sich, vor allem
nicht, wenn sie gerade erzählt, dass sie als Kind auf dem Hof eine
Katze, ein Schaf und ein Huhn besessen hat. Klar wäre sie während der
Kartoffelernte manchmal lieber mit ihren Schulkolleginnen ins
Schwimmbad gegangen, aber aus heutiger Sicht sei es eine schöne Zeit
gewesen. Und sie kommt gerne nach Hause. «Das Dorf und der
Bauernbetrieb haben sich wenig geändert. Die Sorgen um die Arbeiten im
Stall und auf dem Feld und um das Wetter sind die gleichen geblieben»,
sagt Monika Steiner.
Wolkenkratzer bringen Glück Auch
an die Sekundarschule in Konolfingen sind ihr Erinnerungen geblieben,
vor allem an den langen Schulweg und wie sie im Winter mit dem Fahrrad
manchmal auf verschneiter Strasse stürzte. «Einen Lehrer habe ich bis
jetzt nicht vergessen, er hat mich dazu bewegt, in die Pfadi zu gehen.»
In diesem Moment passt sie nicht in die Welt einer riesigen Metropole
mit Wolkenkratzern. Aber genau diese Wolkenkratzer scheinen es gut mit
ihr zu meinen. «Im Dezember stellte ich in der Banc of America aus –
das ist das höchste Gebäude in San Francisco», erklärt sie und deutet
auf den höchsten Turm, welcher auf einem Foto über alles hinausragt.
Mit dieser Ausstellung steht sie vor dem künstlerischen Durchbruch –
tausende von Menschen konnten ihre grossen Gemälde sehen. Im
Erdgeschoss des prominenten Gebäudes waren die Bilder auch von der
Strasse aus zu bewundern, weil nur eine Glasfront die Passanten von
Steiners Kunst trennte. «Ich bin weit gekommen in der kurzen Zeit, in
einem Land, wo sich so viele Künstler nennen», sagt sie.
Die Lebensart war ungewohnt Tatsächlich
ist sie weit gekommen, schliesslich hat sie ihren Wohnsitz um 6000
Meilen verlegt. Es war aber nicht einfach, aus dem sicheren Hafen
Schweiz auszufahren und in Richtung Amerika aufzubrechen. «Als mein
Mann die Fachhochschule in Burgdorf beendet hatte, wussten wir, dass
der Zeitpunkt gekommen war», erinnert sie sich. Das junge Ehepaar war
viel gereist und wollte aus der Norm ausbrechen, bevor Karriere, Kinder
und Eigenheim sie irgendwo für ewig festgenagelt hätten. Doch die
blühende Zeit in der Computer-Hochburg Silicon Valley war schon am
Vorbeigehen, als sich ihr Mann um einen Job und die damit verbundenen
Visa bemühte. Als es in letzter Minute doch noch klappte mit einer
Anstellung in der Computerbranche, warteten sie noch ein halbes Jahr
auf ihr Visum und mussten die Abreise mehrmals wieder verschieben. Doch
am Ende der ganzen Ungewissheit stand Monika Steiner schliesslich mit
zwei Koffern in San Francisco. Aber die Goldnuggets lagen auch für sie
nicht auf der Strasse: «Das erste halbe Jahr war eine Herausforderung»,
sagt Steiner heute. Sie hatte Heimweh, ihr Visum erlaubte ihr nicht als
Lehrerin zu arbeiten und die amerikanische Lebensart war ungewohnt.
Ohne amerikanische credit history, eine Kreditwürdigkeit, die man sich
über Jahre mit einer guten Zahlungsmoral aufbauen muss, war es
schwierig, überhaupt eine Wohnung zu mieten, ein Auto zu leasen oder
einen Telefon- anschluss einzurichten. Die beiden waren auf die
Hilfe von Fremden angewiesen, mussten den Umgang mit dem Papierkram neu
lernen und sich im teuren Pflaster San Francisco irgendwie
zurechtfinden: «Wir richteten uns anfangs nur provisorisch ein und
kauften nur das Nötigste; ein Bett, zwei Stühle, eine Pfanne.» Aber der
Gedanke, wieder nach Hause zu fliegen, war nach einem halben Jahr aus
ihrem Kopf gewichen. «Ich wollte bleiben, weil ich an der Universität
mein Kunststudium angefangen hatte.»
Ein gebrochener Rücken Nie
hätte sie sich erträumen lassen, ein Hobby wie das Malen zu ihrem Beruf
zu machen. «Amerika ist für mich eine lange persönliche Reise, die mir
die Freiheit gab, herauszufinden, was mich wirklich interessiert»,
erklärt Monika Steiner. Die Ausbildung an der Sonoma State University
führte sie durch alle Techniken des Zeichnens und Malens. Jetzt malt
sie abstrakt, wohl die höchste Disziplin dieser Kunst. Augenfällig an
ihren Bildern ist die Entwicklung des Farbspektrums. Während in
früheren Bildern Farben wie Braun und Schwarz dominierten, erstrahlen
die neueren Gemälde in satten Grün-, Gelb- und Rottönen. Sicherer und
freier sei sie geworden. Aber nicht nur ihre Bilder haben sich
verändert, sondern auch ihr Leben. Als sie während einem Pferdeausritt
verunfallte, brach sie sich drei Rückenwirbel. Monatelang war sie ans
Bett gefesselt: «Ich durfte mich nicht bewegen, konnte nicht arbeiten
und mein gesundheitlicher Zustand war schlecht», erzählt sie.
Rückblickend habe ihr diese Zeit, in der sich durch die Trennung von
ihrem Mann auch persönliche Veränderungen vollzogen, die Chance
gegeben, zu sich selber zu finden.
Das Sujet selber bringen Über
die schwierigen Zeiten hat ihr die Malerei viel geholfen, in der sie
ihre Gedanken und Träume ausdrückt. Beim abstrakten Malen müsse man
alles selber bringen, die Komposition, die Farbkontraste und auch das
Sujet, erzählt sie über die Kunst, die sie früher faszinierte, weil sie
sie nicht verstanden hatte. So heissen ihre Bilder denn auch
«Entscheidung», «Befreiung» oder «Zusammenfluss». «Ein Stillleben
fasziniert mich wegen der Kunstfertigkeit, es zieht mich aber nicht in
einen Bann», sagt die Künstlerin. Bei ihrer, der abstrakten Kunst, muss
der Betrachter darüber nachdenken und jeder kann als Sujet sehen, was
er will. Gerne würde sie ihre Bilder auch in der Schweiz
ausstellen. «Vielleicht kann ich mit dem Böniger Kunstkomitee etwas
arrangieren», sagt sie hoffnungsvoll. Und wer weiss, vielleicht würde
manch einer in ihren Bildern etwas von der Abenteuerlust sehen, die sie
nach Amerika trieb, zur Auswanderin machte und auf eine lange Reise
schickte. Infos: www.monikasteiner.net
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