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Freitag, 19. Januar 2007  
         
  Monika Steiner – die Geschichte einer Auswanderin
GYSENSTEIN: «Ich bin schnell weit gekommen»

04.01.2007 Die Bauerntochter aus Gysenstein Monika Steiner wanderte vor sechs Jahren nach Amerika aus. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten fand sie ihre Chance und steht nun vor dem Durchbruch ihrer Karriere als Künstlerin.

Anita Bachmann

 Eine zierliche, dunkelhaarige Frau mit grossen Augen steht vor einer Klasse aus Dritt- und Viertklässlern im Schulhaus Bönigen. Basteln ist angesagt. Ihr Lachen ist ansteckend, sie ist hübsch und ihre Stimme deutlich und hell. Gebannt sind die Kinderaugen auf ihre Hände gerichtet, die geschickt vorzeigen, wie man den Karton richtig faltet, den Stern exakt ausschneidet und den Leim regel­mässig verteilt. Es ist einfach, sich Monika Steiner vorzustellen, wie sie von 1994 bis 2000 in der Schulstube stand und unterrichtete. «Ich erinnere mich gerne an die Kinder und daran, was wir gebastelt haben – es war eine bereichernde Zeit», sagt sie. Ein Besuch bei ehemaligen Lehrerkollegen, während einem kurzen Aufenthalt in der Schweiz, frischte die Erinnerungen wieder auf. «In der Schweiz ist alles familiärer und sicherer – hier fühlte ich mich aufgehoben», erzählt Monika Steiner.

Katze, Schaf und Huhn
Wenn sie spricht, entwischt ihr ab und zu ein englisches Wort, vor allem wenn sie über Kunst redet. Seit sechs Jahren lebt Monika Steiner in der Nähe von San Francisco und ist dort Künstlerin geworden. Sie hat selten Gelegenheit in ihrem breiten Berndeutsch über den neuen Beruf, das abstrakte Malen, zu sprechen. Deshalb schleichen sich wohl die englischen Ausdrücke ein. Doch ansonsten hat die heute 34-jährige Bauerntochter aus Gysenstein nichts Amerikanisches an sich, vor allem nicht, wenn sie gerade erzählt, dass sie als Kind auf dem Hof eine Katze, ein Schaf und ein Huhn besessen hat. Klar wäre sie während der Kartoffelernte manchmal lieber mit ihren Schulkolleginnen ins Schwimmbad gegangen, aber aus heutiger Sicht sei es eine schöne Zeit gewesen. Und sie kommt gerne nach Hause. «Das Dorf und der Bauernbetrieb haben sich wenig geändert. Die Sorgen um die Arbeiten im Stall und auf dem Feld und um das Wetter sind die gleichen geblieben», sagt Monika Steiner.

Wolkenkratzer bringen Glück
Auch an die Sekundarschule in Konolfingen sind ihr Erinnerungen geblieben, vor allem an den langen Schulweg und wie sie im Winter mit dem Fahrrad manchmal auf verschneiter Strasse stürzte. «Einen Lehrer habe ich bis jetzt nicht vergessen, er hat mich dazu bewegt, in die Pfadi zu gehen.» In diesem Moment passt sie nicht in die Welt einer riesigen Metropole mit Wolkenkratzern. Aber genau diese Wolkenkratzer scheinen es gut mit ihr zu meinen. «Im Dezember stellte ich in der Banc of America aus – das ist das höchste Gebäude in San Francisco», erklärt sie und deutet auf den höchsten Turm, welcher auf einem Foto über alles hinausragt. Mit dieser Ausstellung steht sie vor dem künstlerischen Durchbruch – tausende von Menschen konnten ihre grossen Gemälde sehen. Im Erdgeschoss des prominenten Gebäudes waren die Bilder auch von der Strasse aus zu bewundern, weil nur eine Glasfront die Passanten von Steiners Kunst trennte. «Ich bin weit gekommen in der kurzen Zeit, in einem Land, wo sich so viele Künstler nennen», sagt sie.

Die Lebensart war ungewohnt
Tatsächlich ist sie weit gekommen, schliesslich hat sie ihren Wohnsitz um 6000 Meilen verlegt. Es war aber nicht einfach, aus dem sicheren Hafen Schweiz auszufahren und in Richtung Amerika aufzubrechen. «Als mein Mann die Fachhochschule in Burg­dorf beendet hatte, wussten wir, dass der Zeitpunkt gekommen war», erinnert sie sich. Das junge Ehepaar war viel gereist und wollte aus der Norm ausbrechen, bevor Karriere, Kinder und Eigenheim sie irgendwo für ewig festgenagelt hätten. Doch die blühende Zeit in der Computer-Hochburg Silicon Valley war schon am Vorbeigehen, als sich ihr Mann um einen Job und die damit verbundenen Visa bemühte. Als es in letzter Minute doch noch klappte mit einer Anstellung in der Computerbranche, warteten sie noch ein halbes Jahr auf ihr Visum und mussten die Abreise mehrmals wieder verschieben. Doch am Ende der ganzen Ungewissheit stand Monika Steiner schliesslich mit zwei Koffern in San Francisco. Aber die Goldnuggets lagen auch für sie nicht auf der Strasse: «Das erste halbe Jahr war eine Herausforderung», sagt Steiner heute. Sie hatte Heimweh, ihr Visum erlaubte ihr nicht als Lehrerin zu arbeiten und die amerikanische Lebensart war ungewohnt. Ohne amerikanische credit history, eine Kreditwürdigkeit, die man sich über Jahre mit einer guten Zahlungsmoral aufbauen muss, war es schwierig, überhaupt eine Wohnung zu mieten, ein Auto zu leasen oder einen Telefon-
anschluss einzurichten. Die beiden waren auf die Hilfe von Fremden angewiesen, mussten den Umgang mit dem Papierkram neu lernen und sich im teuren Pflaster San Francisco irgendwie zurechtfinden: «Wir richteten uns anfangs nur provisorisch ein und kauften nur das Nötigste; ein Bett, zwei Stühle, eine Pfanne.» Aber der Gedanke, wieder nach Hause zu fliegen, war nach einem halben Jahr aus ihrem Kopf gewichen. «Ich wollte bleiben, weil ich an der Universität mein Kunststudium angefangen hatte.»

Ein gebrochener Rücken
Nie hätte sie sich erträumen lassen, ein Hobby wie das Malen zu ihrem Beruf zu machen. «Amerika ist für mich eine lange persönliche Reise, die mir die Freiheit gab, herauszufinden, was mich wirklich interessiert», erklärt Monika Steiner. Die Ausbildung an der Sonoma State University führte sie durch alle Techniken des Zeichnens und Malens. Jetzt malt sie abstrakt, wohl die höchste Disziplin dieser Kunst. Augenfällig an ihren Bildern ist die Entwicklung des Farbspektrums. Während in früheren Bildern Farben wie Braun und Schwarz dominierten, erstrahlen die neueren Gemälde in satten Grün-, Gelb- und Rottönen. Sicherer und freier sei sie geworden.
Aber nicht nur ihre Bilder haben sich verändert, sondern auch ihr Leben. Als sie während einem Pferdeausritt verunfallte, brach sie sich drei Rückenwirbel. Monatelang war sie ans Bett gefesselt: «Ich durfte mich nicht bewegen, konnte nicht arbeiten und mein gesundheitlicher Zustand war schlecht», erzählt sie. Rückblickend habe ihr diese Zeit, in der sich durch die Trennung von ihrem Mann auch persönliche Veränderungen vollzogen, die Chance gegeben, zu sich selber zu finden.

Das Sujet selber bringen
Über die schwierigen Zeiten hat ihr die Malerei viel geholfen, in der sie ihre Gedanken und Träume ausdrückt. Beim abstrakten Malen müsse man alles selber bringen, die Komposition, die Farbkontraste und auch das Sujet, erzählt sie über die Kunst, die sie früher faszinierte, weil sie sie nicht verstanden hatte. So heissen ihre Bilder denn auch «Entscheidung», «Befreiung» oder «Zusammenfluss».
«Ein Stillleben fasziniert mich wegen der Kunstfertigkeit, es zieht mich aber nicht in einen Bann», sagt die Künstlerin. Bei ihrer, der abstrakten Kunst, muss der Betrachter darüber nachdenken und jeder kann als Sujet sehen, was er will.
Gerne würde sie ihre Bilder auch in der Schweiz ausstellen. «Vielleicht kann ich mit dem Böniger Kunstkomitee etwas arrangieren», sagt sie hoffnungsvoll. Und wer weiss, vielleicht würde manch einer in ihren Bildern etwas von der Abenteuerlust sehen, die sie nach Amerika trieb, zur Auswanderin machte und auf eine lange Reise schickte.
Infos: www.monikasteiner.net



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